Kaltverseifung (engl. cold process) ist ein Verfahren zur Herstellung von Seife, bei dem pflanzliche Öle und Fette mit Natriumhydroxid (NaOH) — der sogenannten Lauge — chemisch verbunden werden, ohne dem Ansatz nach dem Mischen externe Wärme zuzuführen. Die Reaktionswärme entsteht ausschließlich durch die Verseifungsreaktion selbst. Das Ergebnis: eine echte Seife mit natürlichem Glycerin, hitzeempfindlichen Wirkstoffen und einer Reifezeit von vier bis sechs Wochen bis zur Verwendungsreife.
Ich bin Beatrix, Gründerin der All Senses Seifenmanufaktur in Wien — und in diesem Beitrag nehme ich dich mit durch den gesamten Entstehungsprozess einer meiner Seifen. Vom ersten Gedanken, der mir beim Spazierengehen kommt, bis zu dem Moment, in dem eine fertige Seife tatsächlich in die Kollektion aufgenommen wird. Das ist kein kurzer Weg. Er dauert manchmal Monate, beinhaltet Fehlversuche, Überarbeitungen und viel Geduld — aber genau das macht jede All Senses Seife zu dem, was sie ist.
Schritt 1: Die Idee — Welches Gefühl soll die Seife festhalten?
Jede meiner Seifen beginnt mit einem Bild, einem Ort oder einer Stimmung. Keine der zehn Seifen in meiner Kollektion ist aus dem Nichts entstanden — alle haben eine Geschichte, die ich festhalten wollte.
Die Erde & Rauch entstand auf einem eher ungewöhnlichen Weg: Mein Mann hatte eine Lieblingsseife — die aber leider keine Naturseife war. Ich habe mir ihre Inhaltsstoffe genauer angesehen und daraus meine eigene Version entwickelt. Das Ergebnis: eine Duftkombination aus geräuchertem Holz und Vetiver — und steirisches Kürbiskernöl als Basis, weil es genau diese samtige, schwere Qualität hat, die zu diesem Duftbild passt.
Die Abendmalz hingegen entstand aus meiner Begeisterung für gutes Wiener Bier. Ich wollte wissen: Was passiert, wenn Dunkelbier in eine Seife kommt? Die Antwort: malzige Wärme, eine außergewöhnlich samtige Schaumtextur durch die Zuckerverbindungen im Bier, und ein Duft, der irgendwo zwischen Brauerei und Pflegeprodukt liegt — in der besten Art, die man sich vorstellen kann.
Die Goldene Stille war für mich ein echtes Herzensprojekt. Aus irgendeinem Grund habe ich eine große Begeisterung und Anziehung zu Ringelblumenseife verspürt — und schon beim ersten Versuch ist mir eine Optik und eine Duftwelt gelungen, die mich völlig für sich eingenommen hat. Bis heute ist sie eine meiner beliebtesten Seifen.
Und dann ist da die Schwarze Rose — ebenfalls ein Herzensprojekt. Ich liebe den Duft von Rose, die intensive bulgarische Rosenwasser-Note aus meiner Kindheit. Und ich liebe den Kontrast von Schwarz und einem mattierten Rosaton. Auch dieses Projekt ist mir bereits beim ersten Versuch außergewöhnlich gut gelungen.
Der erste Schritt ist also immer: Was will ich festhalten? Welcher Moment soll in dieser Seife leben? Und welche Haut-Zielgruppe spreche ich damit an — trockene Haut, empfindliche Haut, jemanden, der einen belebenden Start in den Tag will?
Schritt 2: Die Rezeptur — Chemie mit Taschenrechner und Verstand
Sobald das Konzept steht, geht es ans Eingemachte: die Rezeptur. Hier entscheide ich, welche Öle in welchem Verhältnis kombiniert werden — und das ist nicht Intuition, sondern Chemie.
Ich arbeite mit einem Laugenrechner, der mir berechnet, wie viel Natriumhydroxid eine bestimmte Ölmischung benötigt, um vollständig zu verseifen. Jedes Öl hat einen eigenen Verseifungswert (SAP-Wert), und der Rechner addiert diese Werte für die gesamte Rezeptur. Zu viel NaOH macht die Seife ätzend. Zu wenig, und das Öl bleibt unverseift — die Seife wird ranzig oder ölig. Ehrlich gesagt: Auch KI hilft mir mittlerweile viel bei dieser Berechnung.
Ich arbeite konsequent ohne Palmöl. Palmöl macht Seife hart und stabil — das ist sein Vorteil in der Herstellung. Aber der ökologische Preis, Abholzung, Biodiversitätsverlust, ist mir zu hoch. Palmölfreie Rezepturen brauchen deshalb eine andere Balance: Ich kombiniere Kokosöl für Härte und Schaum, Olivenöl für sanfte Pflege und Haltbarkeit, Rapsöl als Basisöl mit gutem Fettsäureprofil. Dazu kommen seifen-spezifische Öle: kaltgepresstes Mohnöl in der Mohn & Schatten, Hafermehl in der Hafergold, steirisches Kürbiskernöl in der Wacholderwald & Kürbiskern. Jede Ölkombination ergibt ein anderes Endprodukt in Schaum, Härte, Pflegewirkung und Haltbarkeit. Mehr zu meiner Ölauswahl erzähle ich im Beitrag zu meinen liebsten Ölen für die Seifenherstellung.
Ein zentrales Werkzeug dabei ist die Überfettung — auch Laugennachlass-Methode genannt: Ich setze bewusst weniger Lauge ein, als nötig wäre, um alle Öle vollständig zu verseifen. Dieser unverseifbare Ölanteil bleibt in der Seife und gibt die pflegende Wirkung auf der Haut. In meinem Sortiment liegt die Überfettung zwischen 5 % und 8 % — 8 % ist mein höchster Wert, in der Hafergold, meiner mildesten Seife. Eine Überfettung von 5 % ergibt eine schäumende, lang haltbare Seife. 8 % ist eher für empfindliche Haut gedacht — weicher im Schaum, intensiver in der Pflege, aber etwas kürzer haltbar. Die Berechnung läuft so: Gesamtlaugenmenge laut Laugenrechner multipliziert mit (1 minus Überfettungsprozent). Bei 100 g NaOH und 8 % Überfettung setze ich also 92 g NaOH ein.
Schritt 3: Der Testguss — Klein anfangen, viel lernen
Die erste Version jeder Rezeptur gieße ich in kleinem Maßstab — meist 200–300 g Gesamtgewicht. Das reicht für zwei bis drei Teststücke und spart Rohstoffe, wenn das Ergebnis nicht stimmt.
Beim Kaltverseifungsverfahren werden die Öle und die Lauge getrennt auf rund 40–50 Grad erwärmt und dann zusammengeführt. Keine externe Wärmezufuhr danach. Die Reaktionswärme kommt von alleine — die Verseifung ist exotherm. Das schützt hitzeempfindliche Inhaltsstoffe wie ätherische Öle und pflanzliche Extrakte.
Ich mische mit einem Stabmixer bis zur sogenannten Trace — dem Punkt, an dem die Masse dickflüssig genug ist, um sichtbare Spuren auf ihrer Oberfläche zu hinterlassen. Light Trace: der Tropfen ebnet sich langsam ein. Medium Trace: der Tropfen bleibt kurz stehen. Full Trace: die Masse ist fast fest. Je nach Seife und Duftstoff — manche Duftstoffe beschleunigen die Trace dramatisch — arbeite ich mit unterschiedlicher Viskosität.
An der Trace füge ich Düfte, Naturfarben und Extras hinzu: Aktivkohle für die schwarze Tönung der Schwarzen Rose, Lavendelblüten für die Lavendellicht, Kürbiskernkleie für die Wacholderwald & Kürbiskern. Dann geht die Masse in die Form.
Schritt 4: Gel-Phase und die Wartezeit — 48 Stunden, die man nicht überstürzen kann
Nach dem Guss kommt die Gel-Phase: Die Seife wird warm, manchmal fast heiß im Kern, und beginnt von innen heraus zu gelieren. Das sieht aus wie ein dunkler, transparenter Bereich, der sich vom Zentrum nach außen ausbreitet. Manche vermeiden die Gel-Phase bewusst, ich lasse sie zu — sie sorgt für intensivere Farben und eine dichtere Textur.
Nach 48 Stunden wird die Seife ausgeformt und mit einem Seifen- oder Käsemesser in Stücke geschnitten. Dann beginnt die eigentliche Arbeit — die Reifezeit.
Schritt 5: Vier bis sechs Wochen Reife — Was in dieser Zeit passiert
Vier bis sechs Wochen liegen meine Seifen auf Holzregalen in meiner Küche, bevor ich sie teste. Diese Wartezeit ist kein Marketing-Versprechen — sie ist Chemie.
Zwei Prozesse laufen parallel ab: Erstens verdunstet das Wasser aus der Seife. Ein frisch gegossenes Stück enthält rund 30–35 % Wasser. Nach vier bis sechs Wochen ist ein Großteil davon weg. Die Seife wird fester, haltbarer und löst sich beim Duschen langsamer auf. Zweitens schreitet die Verseifungsreaktion weiter fort. Direkt nach dem Guss hat die Seife noch einen hohen pH-Wert von über 12 — das ist ätzend und nicht hautverträglich. Nach vier bis sechs Wochen sinkt der pH auf 8–9, was dem natürlichen pH der Haut deutlich näherkommt.
Ich teste den pH am Ende der Reifezeit mit pH-Papier. In der Szene schwören viele zusätzlich auf den klassischen Zungentest: Wenn die Seife auf der Zunge „kitzelt", ist noch zu viel aktive Lauge vorhanden — spürt man nichts, ist die Seife fertig. Ehrlich gesagt: Das mache ich nicht. Ich verlasse mich auf mein pH-Papier — ich muss meine Seife nicht ablecken, um ihr zu vertrauen.
Schritt 6: Benutzungstest — Haut über Labor
Nach der Reifezeit beginne ich den Benutzungstest. Ich wasche mich selbst über mehrere Wochen täglich mit der neuen Seife. Was ich dabei überprüfe: Schaumverhalten, Hautgefühl danach, Duftentwicklung im feuchten Zustand, Haltbarkeit des Stücks, ob sich die Seife unkontrolliert auflöst oder schön gleichmäßig abnimmt.
Für die Kollektion der All Senses Seifenmanufaktur habe ich über 5 Monate Entwicklungsarbeit und mehr als 20 Testgüsse gebraucht. Nicht alle Rezepturen haben beim ersten Versuch funktioniert. Die Abendmalz zum Beispiel hat drei Anläufe gebraucht, weil Bier als Flüssigkeit die Laugenreaktion anders verhält als Wasser — der Zucker im Bier reagiert mit der Lauge und erzeugt Wärme, die die Seife zum Seize bringen kann, also zu schnellem, unerwünschtem Eindicken. Ich habe gelernt, das Bier einzufrieren, bevor ich die Lauge einrühre — so wird die Wärmeentwicklung gebremst.
Das sind die Dinge, die man in keinem YouTube-Tutorial lernt. Man lernt sie durch Fehlversuche.
Schritt 7: Sicherheitsbewertung durch unabhängige Fachperson
Bevor eine Seife von mir verkauft werden darf, muss sie eine unabhängige Sicherheitsbewertung durch eine qualifizierte Fachperson durchlaufen. Das ist keine Formalität — es ist gesetzliche Pflicht nach der EU-Kosmetikverordnung (VO 1223/2009).
Die Fachperson für die Sicherheitsbewertung überprüft alle Inhaltsstoffe auf bekannte Risiken, bewertet die Rezeptur auf Unverträglichkeiten und Kontaminationsrisiken, und erstellt einen Sicherheitsbericht (Product Safety Report), ohne den kein Kosmetikprodukt in der EU legal vermarktet werden darf. Für mich bedeutet das: Ich schicke jede vollständige Rezeptur mit allen Rohstoff-Sicherheitsdatenblättern und meiner Herstellungsdokumentation an die Fachperson — und warte auf deren Freigabe.
Schritt 8: CPNP-Notifikation — Der letzte Schritt vor dem Verkauf
Nach der Sicherheitsbewertung folgt die Anmeldung im CPNP — dem Cosmetic Products Notification Portal der EU. Dort muss jedes Kosmetikprodukt, das in der EU verkauft wird, notifiziert sein. Ich habe alle zehn Seifen der All Senses Seifenmanufaktur im April 2026 nach EU-Kosmetikverordnung (VO 1223/2009) notifiziert.
Was bei der CPNP-Notifikation eingereicht wird: vollständige Rezeptur mit INCI-Bezeichnungen aller Inhaltsstoffe, Produktverantwortliche Person (das bin ich), das Label mit allen Pflichtangaben, der Sicherheitsbericht, und Informationen zu giftgefährdenden Substanzen (relevant für Vergiftungszentralen). Erst nach der abgeschlossenen Notifikation darf das Produkt in Österreich und in der gesamten EU verkauft werden.
Das klingt nach viel Bürokratie — und das ist es auch. Aber es ist der Unterschied zwischen einem Hobby und einem ernsthaften, verantwortungsvollen Produkt. Jede Seife, die du bei All Senses kaufst, hat diesen vollständigen Weg gemacht.
Was das für dich bedeutet
Wenn du eine Seife der All Senses Seifenmanufaktur kaufst, hältst du ein Stück in der Hand, das diese gesamte Strecke gegangen ist. Das bedeutet nicht, dass sie teurer oder wertvoller sein muss als andere Seifen — aber es bedeutet, dass du weißt, was drin ist, wie sie entstanden ist, und dass sie alle rechtlichen Anforderungen erfüllt.
Ich glaube daran, dass Transparenz das Vertrauen schafft, das ich mir von meinen Kund*Innen wünsche. Deshalb erzähle ich von den Fehlversuchen, von den vier bis sechs Wochen Wartezeit, von der Bürokratie, die ich durchlaufen habe. Eine Seife ist kein Geheimnis — sie ist Handwerk, Chemie und Herzblut in einer Form. Mehr über mich, meinen Weg zur Seifensiederin und meine Seifenmanufaktur in Wien erfährst du auf meiner Über-mich-Seite.
Häufige Fragen zu meiner Seifenmanufaktur in Wien
Was ist Kaltverseifung genau?
Kaltverseifung (auch Cold Process genannt) ist ein Verfahren zur Seifenherstellung, bei dem pflanzliche Öle und Natriumhydroxid (NaOH) ohne externe Wärmezufuhr miteinander verbunden werden. Die Reaktionswärme entsteht durch die chemische Verseifungsreaktion selbst. Das Ergebnis ist eine echte Seife mit natürlichem Glycerin und hitzeempfindlichen Inhaltsstoffen, die erhalten bleiben — im Gegensatz zum Heißverseifungsverfahren, bei dem höhere Temperaturen eingesetzt werden.
Warum muss Seife vier bis sechs Wochen reifen?
In der Reifezeit passieren zwei wichtige Dinge gleichzeitig: Das Wasser verdunstet aus der Seife — sie wird fester und haltbarer. Und die Verseifungsreaktion läuft vollständig ab — der pH-Wert sinkt von anfänglich über 12 auf hautverträgliche 8–9. Eine unreife Seife kann sich rau auf der Haut anfühlen, löst sich schneller auf und hat einen zu hohen pH-Wert. Vier bis sechs Wochen sind bei mir keine willkürliche Zahl, sondern das Minimum für eine vollständig gereifte, hautverträgliche Seife.
Was ist Trace beim Seifenmachen?
Trace ist der Punkt in der Seifenherstellung, an dem die Öl-Laugen-Mischung dickflüssig genug ist, um sichtbare Spuren auf ihrer Oberfläche zu hinterlassen — ähnlich wie Pudding kurz vor dem Festwerden. Es gibt Light Trace (dünnflüssig, Tropfen ebnen sich langsam ein), Medium Trace und Full Trace (fast fest). An der Trace werden Düfte, Farben und Extras hinzugefügt, bevor die Masse in die Form gegossen wird.
Warum verwendet die All Senses Seifenmanufaktur kein Palmöl?
Palmöl macht Seife hart und stabil — technisch ist es ein nützliches Rohstoff. Aber der ökologische Preis ist für mich zu hoch: Palmölanbau ist eine der Hauptursachen für Regenwaldabholzung und Biodiversitätsverlust. Ich ersetze Palmöl durch eine ausgewogene Kombination aus Kokosöl, Olivenöl und Rapsöl, die ähnliche Eigenschaften bei der Seifenhärte und dem Schaumverhalten ergeben — ohne ökologische Kompromisse.
Was bedeutet CPNP-Notifikation?
CPNP steht für Cosmetic Products Notification Portal — das EU-weite System zur Anmeldung von Kosmetikprodukten nach der EU-Kosmetikverordnung (VO 1223/2009). Jedes Kosmetikprodukt, das in der EU verkauft wird, muss dort notifiziert sein — inklusive Seife. Die All Senses Seifenmanufaktur hat alle zehn Seifen im April 2026 CPNP-notifiziert, nach einer unabhängigen Sicherheitsbewertung durch eine qualifizierte Fachperson.
Wie lange dauert es, eine neue Seife zu entwickeln?
Von der ersten Idee bis zur verkaufsfähigen Seife vergehen bei mir im Schnitt fünf bis sechs Monate. Der größte Zeitblock ist die Reifezeit von vier bis sechs Wochen pro Testguss — und wenn der erste Testguss nicht stimmt und ich nachjustiere, kommt eine weitere Reifezeit dazu. Für alle zehn Seifen der All Senses Kollektion habe ich insgesamt über 5 Monate und mehr als 20 Testgüsse gebraucht.
Was ist eine Überfettung bei Seife?
Überfettung — auch Laugennachlass-Methode genannt — bedeutet, dass ich bewusst weniger Lauge einsetze, als rechnerisch nötig wäre, um alle Öle vollständig zu verseifen. Der verbleibende, unverseifbare Ölanteil bleibt in der fertigen Seife und macht sie pflegender. Meine Seifen haben eine Überfettung zwischen 5 % und 8 %, je nach Zweck der Seife: niedrigere Überfettung für mehr Schaum und längere Haltbarkeit, höhere Überfettung für empfindliche Haut und intensive Pflege.
Weitere häufige Fragen zu Naturseife, Rohstoffen und meiner Arbeitsweise beantworte ich in der FAQ.
