Was in industrieller Seife steckt
Industrielle Seife wird maschinell in riesigen Mengen hergestellt. Die Rohstoffe werden im Heißverfahren verseift — schnell, effizient, günstig. Was dabei als Nebenprodukt entsteht — das wertvolle Glycerin — wird herausgelöst und separat verkauft, zum Beispiel an die Pharma- oder Kosmetikindustrie. Was übrig bleibt, ist eine gereinigte, aber trockene Seifenbasis.
Dazu kommen oft synthetische Tenside wie SLS oder SLES, die stark schäumen, aber die Haut austrocknen können. Künstliche Duftstoffe, Farbstoffe, Konservierungsmittel, Parabene, Mikroplastik — die Zutatenliste auf einer Industrieseife liest sich manchmal wie ein Chemielabor. Und dann ist da noch das Palmöl: günstig, ergiebig, aber ökologisch problematisch.
Das Ergebnis ist ein Produkt, das zuverlässig reinigt — aber wenig mehr tut. Ob SLS die Haut langfristig beeinträchtigt, wird wissenschaftlich unterschiedlich bewertet. Was ich sagen kann: ich benutze es nicht mehr, und ich spüre den Unterschied.
Was in handgemachter Naturseife steckt
Handgemachte Naturseife entsteht durch Kaltverseifung — ein langsames Verfahren, bei dem pflanzliche Öle und Fette bei niedrigen Temperaturen mit Lauge reagieren. Was dabei passiert, ist einfache Chemie: Öl plus Lauge ergibt Seife plus Glycerin. Und genau dieses Glycerin bleibt in der Seife — es zieht Feuchtigkeit an und macht die Seife spürbar pflegender.
In meiner Seifenmanufaktur in Wien verwende ich ausschließlich natürliche Zutaten: Olivenöl, Kokosöl, Sheabutter, Rizinusöl, steirisches Kürbiskernöl — je nach Rezeptur. Die Düfte kommen aus naturreinen ätherischen Ölen, die Farben aus Tonerde, Kurkuma, Aktivkohle oder Pflanzenpulvern. Keine synthetischen Zusätze. Kein Palmöl.
Jede Rezeptur habe ich über mehrere Monate entwickelt — ich habe gemessen, getestet, angepasst. Was am Ende in den Shop kommt, hat mehr als zwanzig Testchargen und eine unabhängige Sicherheitsbewertung hinter sich. Das ist nicht Perfektion um der Perfektion willen, sondern Sorgfalt — weil ich hinter jedem einzelnen Stück stehen will.
Glycerin — der unsichtbare Unterschied
Glycerin ist der Grund, warum sich Naturseife auf der Haut anders anfühlt als Industrieseife. Es ist ein natürlicher Feuchtigkeitsbinder — es zieht Wasser aus der Luft an und hält die Haut geschmeidig. In industrieller Seife fehlt es, weil es herausgelöst wurde. In kalt gerührter Naturseife ist es vollständig enthalten. Das klingt nach einem kleinen Detail, aber deine Haut merkt den Unterschied.
Konkret: Glycerin hält die Hautoberfläche geschmeidiger, weil es verhindert, dass die oberste Schicht austrocknet. Wenn Seife das Glycerin entzogen hat, spürt man das oft als Spannen oder Trockenheitsgefühl nach dem Waschen. Bei handgemachter Naturseife ist das in der Regel nicht der Fall. Ich merke den Unterschied an mir selbst sehr deutlich, seit ich ausschließlich meine eigene Seife benutze — ich brauche nach dem Duschen kaum noch Körpermilch.
Was Überfettung bedeutet
Bei der Kaltverseifung wird bewusst mehr Öl verwendet, als die Lauge verseifen kann. Dieses „überschüssige" Öl bleibt als pflegender Film in der Seife — das nennt man Überfettung oder Rückfettung. Je höher die Überfettung, desto milder und pflegender die Seife. Meine Seifen haben je nach Rezeptur eine Überfettung zwischen 5% und 12%. Industrieseife hat in der Regel keine oder eine minimale Überfettung — das Ziel dort ist Reinigung, nicht Pflege.
Was das für empfindliche Haut bedeutet
Wer zu trockener oder empfindlicher Haut neigt, merkt den Unterschied zwischen Naturseife und Industrieseife oft besonders deutlich. Industrieseife reinigt zuverlässig — aber sie nimmt dabei auch Schutzfette mit, die die Haut braucht. Das ist der Grund, warum viele Menschen nach dem Duschen sofort Körperlotion auftragen müssen, um das Spannungsgefühl zu mildern.
Handgemachte Naturseife reinigt ebenfalls, aber sanfter: das verbleibende Glycerin und die Überfettung sorgen dafür, dass nicht alles mitgespült wird. Das heißt nicht, dass Naturseife für jeden Hauttyp gleich gut ist — jede Haut ist anders. Aber es erklärt, warum der Umstieg für viele Menschen so eindeutig positiv ist. Nach einer bis zwei Wochen ist die Umstellungsphase meistens vorbei.
Warum handgemachte Seife mehr kostet
In einem Stück Naturseife stecken hochwertige Rohstoffe, die ich einzeln auswähle. Dazu kommt der Zeitaufwand: Ich rühre jede Charge selbst, gieße sie von Hand in die Form, schneide jedes Stück einzeln — und dann reift die Seife mindestens sechs Wochen, bevor sie in den Shop kommt. Dazu kommen die Sicherheitsbewertung für jede Rezeptur, die plastikfreie Verpackung, und der Umstand, dass ich alles allein mache. Ein industrielles Stück Seife wird in Sekunden aus günstigen Rohstoffen gepresst. Das sind zwei komplett verschiedene Produkte.
Hinzu kommt, dass ich für jede Rezeptur eine kosmetische Sicherheitsbewertung durch eine unabhängige Fachperson durchgeführt habe — das ist gesetzlich vorgeschrieben (EU-Kosmetikverordnung EG Nr. 1223/2009) und ein nicht unerheblicher Kostenfaktor. Was am Ende auf dem Etikett steht, ist geprüft. Das ist bei industrieller Seife zwar auch so, aber bei kleinen Manufakturen steckt das oft buchstäblich im Preis.
Was du beim Umstieg beachten solltest
Wenn du von Duschgel oder industrieller Seife auf Naturseife umsteigst, kann es sein, dass sich deine Haut in den ersten Tagen etwas anders anfühlt. Das liegt daran, dass Naturseife keine Silikone oder synthetischen Rückstände hinterlässt, die sich wie ein Film auf die Haut legen. Nach ein bis zwei Wochen hat sich die Haut umgestellt — und die meisten Menschen berichten, dass sie sich weniger trocken und weniger gespannt anfühlt als vorher.
Für den Einstieg empfehle ich eine milde, höher überfettete Seife. Hafergold ist komplett duftstofffrei und mit Hafer und Honig besonders sanft — ideal für empfindliche Haut und für alle, die Naturseife zum ersten Mal ausprobieren. Wer lieber mit einem Duft einsteigt, ist mit Lavendellicht gut beraten — klassisch, beruhigend und einfach zu mögen.
Ein praktischer Hinweis für den Umstieg: Naturseife braucht nach dem Benutzen Trocknungszeit — also am besten eine Seifenschale mit Ablauf, nicht in einer Pfütze liegenlassen. Das klingt selbstverständlich, macht aber einen großen Unterschied, wie lange ein Stück hält. Wer das erste Mal von Duschgel auf feste Seife wechselt, braucht manchmal etwas Zeit, bis die neue Routine sitzt. Danach vermisst man die Tube selten.
Was die INCI-Liste verrät
INCI steht für „International Nomenclature of Cosmetic Ingredients" — das ist die genormte Bezeichnung für alle Inhaltsstoffe in Kosmetikprodukten. Die INCI-Liste auf einer Naturseife liest sich anders als die auf einer Industrieseife. Beim Kaltverseifungsverfahren heißen die Öle nach der Verseifung anders: Olivenöl wird zu „Sodium Olivate", Kokosöl zu „Sodium Cocoate". Das klingt zunächst chemisch, ist aber der verseiften Form des natürlichen Öls.
Ich lese INCI-Listen seit mehr als zehn Jahren. Ich weiß, welche Ingredienzien harmlos sind und welche ich lieber meide. Das hat dazu geführt, dass ich inzwischen für meinen eigenen Gebrauch kaum noch ein Produkt kaufe, dessen Inhaltsliste mich nicht überzeugt. Und es ist der Hauptgrund, warum ich angefangen habe, meine Seifen selbst herzustellen.
Palmöl — warum meine Seifen darauf verzichten
Palmöl ist in fast jeder günstigen Seife enthalten — es macht die Seife hart, günstig und schaumd. Das Problem ist die Herstellung: der Anbau von Palmöl ist einer der Haupttreiber der Regenwaldabholzung in Südostasien. Zertifiziertes nachhaltiges Palmöl (RSPO) gibt es zwar, ist aber schwer zu kontrollieren.
Ich habe mich entschieden, komplett auf Palmöl zu verzichten — nicht weil ich anderen etwas vorschreiben will, sondern weil ich in meinen Rezepturen keinen Bedarf daran habe. Die Kombination aus Kokosöl, Sheabutter und festen Kakaobutterfetten gibt meinen Seifen genug Stabilität, ohne Palmöl zu brauchen. Alle meine Seifen sind palmölfrei — von Erde & Rauch mit Weihrauch und Tonerde bis hin zur alpinen Zirbenluft.
Das ist eine Entscheidung, die ich einmal getroffen habe und bei der ich geblieben bin. Nicht weil RSPO-zertifiziertes Palmöl per se schlecht wäre, sondern weil meine Rezepturen es nicht brauchen. Kokosöl gibt Härte und Schaumkraft, Sheabutter gibt Stabilität und Pflege — zusammen ersetzen sie Palmöl vollständig. Und jede Zutat hat einen guten Grund, in der Seife zu sein.
Warum ich keine fertige Seife mehr kaufe
Ich wurde früher gefragt, warum ich nicht einfach eine gute Naturseife kaufe, statt selbst anzufangen. Die Antwort ist: Ich habe es versucht. Aber wenn man INCI-Listen lesen kann und weiß, was drinsteht, wird man unweigerlich wählerisch. Und ab einem gewissen Punkt ist es ehrlicher, einfach selbst anzufangen.
In der Manufaktur kontrolliere ich jeden Rohstoff — woher er kommt, wie er verarbeitet wurde, was er in der Rezeptur bewirkt. Das ist nicht möglich, wenn man ein fertiges Produkt kauft. Es ist mehr Aufwand, ja. Aber es ist auch mehr Klarheit. Und diese Klarheit ist für mich inzwischen nicht mehr wegzudenken.
Seit über zehn Jahren beschäftige ich mich damit, was in Kosmetik steckt und was unsere Haut täglich aufnimmt. Heute rühre ich meine eigene Seife — und ich weiß bei jedem einzelnen Stück genau, was drin ist. Das ist für mich der eigentliche Unterschied: nicht der Preis, sondern die Ehrlichkeit.
Noch mehr zum Thema? In meinen häufigen Fragen findest du Antworten zu Überfettung, pH-Wert, Lagerung und Inhaltsstoffen. Und wenn du wissen willst, wie du Naturseife richtig lagerst, damit sie lange hält — dazu habe ich auch einen Beitrag geschrieben.


