Wenn ich erzähle, dass ich Seife mache, kommt meistens die gleiche Frage: Wie geht das eigentlich? Und dann noch eine: Ist da nicht Lauge drin — ist das nicht gefährlich?
Beides gute Fragen. Und beide haben eine ehrliche Antwort verdient.
Was Kaltverseifung bedeutet
Kaltverseifung — auf Englisch „cold process" — ist das älteste und schonendste Verfahren, um handgemachte Seife herzustellen. Das Prinzip ist einfach: Fette und Öle reagieren mit einer Lauge (Natriumhydroxid, gelöst in Wasser). Dabei entsteht Seife und Glycerin. Das Besondere an der Kaltverseifung ist, dass keine externe Hitze zugeführt wird. Die Reaktion erzeugt ihre eigene Wärme — und genau das schont die wertvollen Inhaltsstoffe der Öle.
Schritt für Schritt: So entsteht eine Seife bei All Senses
Am Anfang steht die Rezeptur. Ich berechne für jede Seife genau, wie viel Lauge die verwendeten Öle brauchen — und ziehe dann bewusst einen Teil ab. Dieser Anteil bleibt als unverseiftes Öl in der Seife und pflegt die Haut beim Waschen. Das nennt man Überfettung, und bei meinen Seifen liegt sie zwischen 5 % und 12 %.
Im ersten Schritt wiege ich die festen Fette ab — Kokosöl, Sheabutter, je nach Rezept auch Rindertalg oder Bienenwachs — und schmelze sie langsam. Die flüssigen Öle wie Olivenöl, Rizinusöl oder Kürbiskernöl kommen dann dazu. Parallel löse ich die Lauge in Wasser (oder je nach Seife in Dunkelbier — wie bei meiner Abendmalz) auf. Das muss unter dem Abzug passieren, mit Schutzbrille und Handschuhen, weil die Lösung stark alkalisch ist und Dämpfe entstehen.
Wenn beide Mischungen die richtige Temperatur haben, gieße ich die Lauge langsam in die Ölmischung und mixe mit dem Stabmixer. Irgendwann verändert sich die Konsistenz — die Masse wird dicker, puddingähnlich. Das ist der sogenannte „Trace". Jetzt kommen die ätherischen Öle dazu, die Tonerde oder Aktivkohle für die Farbe, und die Blüten oder Samen für die Dekoration.
Dann gieße ich alles in die Form und decke sie ab. 24 bis 48 Stunden später kann ich die Seife aus der Form lösen und in einzelne Stücke schneiden.
Warum sechs Wochen Reifezeit?
Frisch geschnittene Seife sieht fertig aus — ist sie aber nicht. Die Verseifung läuft nach dem Gießen weiter, und die Seife muss mindestens sechs Wochen an der Luft reifen. In dieser Zeit wird sie härter, milder und ergiebiger. Jede Seife, die ich versende, hat diese Reifezeit hinter sich. Die ersten zehn Seifen entstanden in fünf Monaten mit mehr als 20 Testgüssen — Produktentwicklung ist für mich ein fortlaufender Prozess, kein Projekt mit Enddatum.
Und die Lauge? Ist die noch in der fertigen Seife?
Nein. Durch die Verseifung wird die Lauge vollständig verbraucht. In der fertigen Seife ist kein Natriumhydroxid mehr enthalten. Was bleibt, sind Seife, Glycerin und die pflegenden, unverseiften Öle.
Kaltverseifung vs. industrielle Herstellung
Bei der industriellen Seifenproduktion wird unter hoher Temperatur und Druck gearbeitet. Das Glycerin — ein natürlicher Feuchtigkeitsbinder — wird herausgezogen und separat verkauft. Synthetische Zusätze, Konservierungsstoffe und Palmöl werden hinzugefügt. Das ist effizienter und billiger, aber das Ergebnis ist ein anderes Produkt.
Kaltverseifung dauert länger, kostet mehr und verlangt Sorgfalt bei jedem einzelnen Stück. Aber genau das macht den Unterschied aus, den man auf der Haut spürt.
Welche Öle verwende ich — und warum?
Jedes Öl bringt andere Eigenschaften in die Seife. Kokosöl macht sie fest und schäumend, aber es trocknet die Haut aus, wenn man zu viel davon verwendet. Olivenöl sorgt für Milde und pflegt — braucht aber lange zum Reifen. Rizinusöl ist für den Schaum zuständig: schon ein kleiner Anteil macht den Unterschied. Ich kombiniere diese Basisöle je nach Rezeptur mit Sheabutter, Kakaobutter, Kürbiskernöl (besonders schön in meiner Wacholderwald & Kürbiskern) oder Rapsöl.
Für jede Seife berechne ich die Laugemenge neu — mit einem sogenannten Laugenrechner, der auf den spezifischen SAP-Werten jedes Öls basiert. Das klingt nach Chemie, und das ist es auch. Genau deshalb nehme ich jeden Testguss ernst: Für die ersten zehn Seifen habe ich mehr als 20 Testchargen gemacht, bevor ich mit einer Rezeptur zufrieden war.
Was passiert in der Reifezeit wirklich?
Frisch gegossene Seife hat noch einen hohen pH-Wert — sie ist stark alkalisch und würde auf der Haut brennen. Erst während der Reifezeit gleicht sich das aus. Der pH sinkt, die Seife wird milder, und das überschüssige Wasser verdunstet. Was nach sechs Wochen übrig bleibt, ist kompakter, härter und ergiebiger als eine frische Seife.
Ich lagere meine Seifen auf Holzgittern, mit genug Abstand zwischen den Stücken, damit die Luft zirkulieren kann. Einmal pro Woche drehe ich sie um. Manche Sorten bekommen in dieser Zeit noch eine natürliche Schicht — den sogenannten Soda Ash, ein weißlicher Belag, der beim Aufschneiden entsteht und vollkommen unbedenklich ist. Bei manchen Rezepturen plane ich ihn sogar bewusst ein, weil er schön aussieht.
Warum ich die Kaltverseifung anderen Methoden vorziehe
Es gibt noch andere Methoden der Seifenherstellung: die Heißverseifung, die Melt-and-Pour-Methode, oder die Verwendung fertiger Seifenbasen. Ich habe alle ausprobiert. Zurückgekehrt bin ich jedes Mal zur Kaltverseifung — weil sie mir die meiste Kontrolle über Zutaten und Ergebnis gibt. Ich wähle jedes Öl selbst aus, berechne jede Laugemenge selbst, und ich weiß genau, was am Ende in der Seife steckt.
Melt-and-Pour-Basen sind praktisch, aber ich weiß nicht, was vorher in die Basis geflossen ist. Heißverseifung geht schneller, aber die Hitze verändert die Zutaten. Kaltverseifung ist langsam und erfordert Geduld — dafür ist das Ergebnis das, was ich mir vorgestellt habe.
Das ist auch der Grund, warum meine ersten zehn Seifen mehr als 20 Testgüsse gebraucht haben. Nicht weil das Verfahren kompliziert ist, sondern weil ich jede Rezeptur so lange verfeinert habe, bis sie genau das tut, was ich von ihr erwartet habe. Jede Seife hat ihre eigene Zusammensetzung, ihren eigenen Charakter — und die hat sich nicht beim ersten Versuch ergeben.
Jedes Stück, das in meinem Shop liegt, hat diesen Weg hinter sich — von der Rezeptur über den Trace bis zur sechswöchigen Reifezeit. Genau deshalb ist jede Seife ein bisschen anders, und genau das mag ich daran.
Ehrlich gesagt nehme ich meine eigenen kalt gerührten Seifen inzwischen jeder Seife aus dem Laden vor — der Unterschied auf der Haut ist für mich zu deutlich, um zurückzugehen. Am liebsten mag ich eine Überfettung um die 5 %: mild, aber nicht zu reichhaltig. Im Winter oder wenn deine Haut zu Trockenheit neigt, lohnt sich ruhig ein höherer Wert — meine Hafergold kommt auf 8% und ist komplett duftstofffrei, ideal für empfindliche Haut. Für alle, die einen Duft bevorzugen: Lavendellicht (5% Überfettung, beruhigend) oder Minze & Lemongrass (7%, belebend).
Wenn du wissen willst, was handgemachte Naturseife sonst noch von Industrieseife unterscheidet, habe ich dazu einen eigenen Beitrag geschrieben: Naturseife vs. Industrieseife. Und in meinen häufigen Fragen findest du Antworten zu Überfettung, pH-Wert und Inhaltsstoffen.
Häufige Fragen zur Kaltverseifung
Ist in der fertigen Seife noch Lauge enthalten?
Nein. Durch die Verseifung wird die Lauge vollständig verbraucht — in der fertigen Seife ist kein Natriumhydroxid mehr enthalten. Was bleibt, sind Seife, Glycerin und die pflegenden, unverseiften Öle.
Warum muss Naturseife sechs Wochen reifen?
Frisch geschnittene Seife sieht fertig aus, ist es aber nicht. Die Verseifung läuft nach dem Gießen weiter, und in den mindestens sechs Wochen Reifezeit wird die Seife härter, milder und ergiebiger. Jede Seife, die ich versende, hat diese Zeit hinter sich.


